Blonde Redhead - Ein Bericht

A Band Who Express The Inexpressible

Es ist schon erstaunlich, wie sehr sich Bands im Laufe der Jahre musikalisch und imagetechnisch verändern können. Meist ist das Ergebnis leider eher lächerlich, nervig und gewollt neu, aber nicht so bei Blonde Redhead. Entdeckt vom Sonic Youth-Drummer Steve Shelley fabrizierten die anfangs vier Musiker Mitte der Neunziger noch feinsten No-Wave auf dessen Label Smells-Like-Records. Nach zwei ausgezeichneten Alben namens "Blonde Redhead" und "La Mia Vita Violenta" (nach dem ersten Album verließ die Bassistin Maki Takahashi die Band), die einen magischen, ungewissen und äußerst schleppenden Sound hatten, wechselten sie zu Touch and Go-Records, die unter anderem auch glorreiche Bands wie z.B. Enon unter Vertrag haben und änderten ihren Stil zum ersten Mal. Nun waren Blonde Redhead schneller, lauter und brutaler denn je. Sie spielten gut organisierte Stücke mit ausgeflippten Melodien und zeigten schnell, daß sie nicht nur wie Sonic Youth klingen können. Und was besonders erstaunte war, daß sich zwischen all dem Lärm und den kreischenden Gitarren eine gewisse Ästhetik verbarg. Was dann im Jahre 2000 aus den Händen des familiären Trios kreiert wurde, muß langjährige Blonde Redhead-Fans äußerst verwundert haben. Auf dem Album "Melody Of Certain Damaged Lemons" überraschten sie mit äußerst melodischen und chansonangehauchten Sounds. Ganz vom penetranten No-Wave-Sound konnten sie sich zwar noch nicht trennen, aber alles war plötzlich irgendwie schön und harmonisch. Kurze Zeit später folgte dann die absolute Krönung für alle Chanson-Fanatiker. Meldodie Citronique, eine 5-Tune-EP barg fantastische Schätze wie z.B. das Lied "Slogan" von Chansonlegende Serge Gainsbourg oder ein italienisches Lied namens "Chi e non e", bei dem Amedeo und Simone Pace sich in ihrer Heimatsprache verewigten. Ansonsten befanden sich noch zwei hervorragende Remixe von "In Particular" und "Hated Because Of Great Qualities" auf der Scheibe.

Die nächsten vier Jahre war von den Redheads nicht ein einziger Ton mehr zu hören und man fragte sich sicherlich vergebens, ob man je wieder ein neues Album erwarten könne. 2004 war es dann plötzlich soweit. Mit frischer Energie und mit einem erneuten Labelwechsel zu 4AD brachten sie das wohl wunderschönste Album den je heraus: "Misery Is A Butterfly"! Schon das Artwork des Booklets zeigte, daß Kazu, Amedeo und Simone sich komplett in eine andere Richtung bewegt hatten. Das Titelbild erinnert ein bißchen an die alten Pin-ups aus den 80ern und strahlt etwas sehr mystisches aus. Und, und das ist eigentlich das wichtigste an einem Cover, es machte wie bei jedem Redhead-Album Lust auf mehr. Der Sound schwang nun zwischen Hochmelancholischem und großer Easy-Listening-Musik umher. Traurige, verzweifelte und träumerische Lieder erwarteten den Hörer und Tanzmusikliebhaber suchen hier vergeblich nach einem wilden, frechen oder lauten Stück mit treibenden Rhythmus. Allerhöchstens die erste Single "Equus" rutscht wieder ein bißchen ins Krachmachen hinein und erinnert den Kenner stark an ihre "Sonic Youth-Zeit". "Misery Is A Butterfly" hatte wohl keiner erwartet und ist völlig andere Musik als zuvor. Die einzigen Markenzeichen, die Blonde Redhead immer hatten, sind die raunende Stimme Amedeo Paces, die wie eine surrende Stromleitung alle Songs in etwas sphärisches verwandelt, die piepsig zarte Stimme von Kazu Makino, die auf diesem Album auffällig klarer und geschulter klingt als auf vergangenen Werken, und der einzigartige, eigenwillige Stil, der sicher selbst dann noch heraus hörbar wäre, würden sie ein Technolied herausbringen. Blonde Redhead ist ein großer Beweis dafür, daß es noch gute Musik gibt, die ihren eigenen Kopf hat, und auch wenn man denken mag, daß sie sich mit "Misery Is A Butterfly" versucht haben ein wenig anzupassen, sind sie meiner Meinung nach immer noch viel zu unbekannt. Aber vielleicht liegt das ja nur daran, daß es von Blonde Redhead noch keinen einzigen Klingelton gibt...

Discographie:
Blonde Redhead (1995 Smells Like Records)
La Mia Vita Violenta (1995 Smells Like Records)
Fake Can Be Just As Good (1997 Touch And Go Records)
In An Expression With The Inexpressible (1998 Touch And Go Records)
Melody Of Certain Damaged Lemons (2000 Touch And Go Records)
Melodie Citronique (EP) (2000 Touch And Go Records)
Misery Is A Butterfly (2004 4AD)
Equus (Single) (2004 4AD)
Elephant Woman (Single) (2004 4AD)


Bewertung:

Fabian Fascher

* Kommentare lesen/verfassen *
* E-Mail an den Autor * Plattenkritik schreiben * Alle Reviews *

A | B | C | D | E | F | G | H | I
J | K | L | M | N | O | P | Q | R
S | T | U | V | W | X | Y | Z