Von Musikliebhabern und Nachtgeschöpfen

Mit dem Frühling kehrt die Festivalstimmung zurück! Und erst recht, wenn man an einem lauen Abend im späten April in der Szene Wien verkehrte, um der zweiten Ausgabe des Quattrophonic beizuwohnen, einer Art Tribut an die heimische Alternativemusikszene. Es gaben sich die Ehre, bunt zusammen gewürfelt aus diversen Genres, Blockwerk, Jaba, Dephjoe feat. Da Twintowers & last but not least, die Stars des Abends, Fortuna's Favourites.

Schon mit den ersten Künstlern des Abends, Blockwerk, strömte eine kleine Masse aus dem lauschigen Gärtchen im Hinterhof hin zur im Vergleich bedrohlichen Bühne, wo man plötzlich darüber sinnierte, wie das psychedelische Zeitalter mit Office-Look-Optik vereinbar sein könnte. Unfreiwilligen Aufforderungen frei nach dem Motto: "Stürmt wieder die Humana-Läden!" sollte man nicht folge leisten. Sicherlich würde sich doch der eine oder andere wenig salonfähige Fetzen aufstöbern lassen, vor allem zu gebrauchen, um mit eindeutigen Botschaften eingeräuchert die alten Protestlieder anzustimmen (leider nur an Wochenenden, denn wochentags ruft das biedere common life). Kombiniert man jene Eindrücke noch mit denen des hippen Ethnotrips (hypervegan, pseudokommunistisch multipliziert mit Wellness und fernöstlicher Weisheit), dann war man zu jenem Zeitpunkt in der Szene genau richtig. Multiple Instrumente, farbenfrohe bis exzentrische Outfits schmückten die Bühne, welche von Ingmar Versolmann (nicknamed "Inke") und Frontfrau Chrissi samt Kollegen repräsentiert wurde. Das visuelle Vorurteil wurde schnell verdrängt, man versank und schwelgte zu Variationen von Electro, Groove, Drum n Bass und Reggae. Hübscher Abstecher von grautonartigen Alltagsfantasien.

Als nächste Gruppe traten vor bereits zahlreicherem Publikum Jaba auf, Newcomer aus Wien, mit erfrischendem Indie-Pop aus der Schatztruhe vergangener Glanzlichter. Katrin Tratz, die attraktive Frontfrau, wusste mit jugendlichem Charme und einer aufregenden Stimme zu bezaubern. Tatkräftig unterstützt wurde sie dabei vom Rest der Band (Bernhard Hostek/Gitarre, Mario Kummer/Bass und Thomas Wammerl/Drums), welcher die eingängigen Melodien perfekt umsetzte. So manche Feministin hätte ihre Freude gehabt bei diesem Anblick, der zugleich ein wunderbares Beispiel der Symbiose zwischen Geschlechtern in der Branche darstellte.

In eine ganz andere Richtung führte der weitere Verlauf des Abends. Dephjoe feat. Da Twintowers, ein Trio bestehend aus Sänger/Schnellsprecher "Dephjoe", einem Gitarristen (akustisch) und einem Drummer (als "Twintowers" was würde wohl der US-Präsident dazu sagen?!). Betreffend dieser Melange muss man dem ganzen zugestehen, dass dies ein wunderbar alternativer Weg ist, Musik zu machen. Schon allein die Idee, vom konventionellen Gesang abzuweichen, um mit harter peitschender Ghettoblasterstimme sich mit traditioneller Instrumentalisierung zu vereinigen, gilt in der Branche als kreativ. Kurioserweise hatten gleichzeitig auch die ersten Headbanger ihren Auftritt, um ihre Aggressionsgefühle zu kanalisieren, welche durch den bronxartigen Gesang heraufbeschworen wurden. Gefühlvollere Gemüter schwankten bloß im Takt.

Bevor der Abend seinem Ende zuging, wurde dem Publikum noch einmal alles abverlangt. Bereits Stars in der heimischen Szene, betraten die Fortuna's Favourites die Bühne. Die sympathischen Musiker rund um Frontmann Stefan Trenker präsentierten sich gutgelaunt - auch machten sie Werbung für eine bekannte Alkoholmarke! Also ganz dem klassischen Festivalpathos verpflichtet, ergo nicht ganz nüchtern. Doch das kurbelte die etwas monotone Stimmung in ungeahnte Höhen, die Audienz wurde sichtlich aufgelockert. Und kaum war der erste Akkord gespielt, begann die Bühne zu beben; man erlebte ein Energiefeuerwerk. Stefan, agil und spielfreudig wie immer, wusste seine Hits gekonnt zu interpretieren, mit der Leidenschaft des Vollblutmusikers. Das erste Mal an diesem Abend spürte man so richtig eine gewohnte Festivalatmosphäre ins ansonsten sehr zivilisierte Haus einziehen. Zügig und glatt gespielte Musik mit Ohrwurmqualität. Aus vereinzelten Headbangern bildeten sich kleine Grüppchen, die im Takt der Instrumente den frühen US-Fitnessvideos huldigten. Wie auch immer man diese Szene beschreiben mag, eines war sicher: Die Musik bestimmte das Geschehen. Und so klang der Abend dann aus, die Tore wurden geschlossen, das Publikum verscheucht. Übriggeblieben bis zum letzten Tropfen sind die Nacht- und Zugvögel.

Michaela Drescher

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