Rock am Spielplatz

Bildein ist ein 377 Einwohner starker Ort gleich an der ungarischen Grenze. Wer jetzt dabei an gähnende Leere oder unendliche Langeweile denkt, liegt meilenweit daneben. Zwar werden hier traditionelle Werte wie Gemeinsinn und Gemütlichkeit weiterhin groß geschrieben, aber gleichzeitig ist es mit der ländlichen Beschaulichkeit nicht zum Besten bestellt. Nicht nur, dass einmal jährlich mit dem Picture On ein Festival mit fast dem zehnfachen an Besuchern als Einwohnern zelebriert wird, auch ansonsten hat sich das Dorf langsam aber sicher zum heimlichen Zentrum der Region gemausert. Natürlich steht ganz burgenländisch der Wein an der Spitze der Traditionen und so manche Vinothek und Burschenschank laden zu genüßlichen Stunden ein.

Kein Wunder ist es also, dass auch beim diesjährigen Picture On Festival fast alle Einwohner mit angepackt haben, um wieder einmal eines der schönsten und entspanntesten Musikereignisse Österreichs auf die Beine zu stellen. Wie scheinbar einfach das Ganze ist, wenn viele fleißige Hände anpacken und den Dorfplatz inklusive Weinarchiv, Gasthaus und Kinderspielplatz - in ein gemütliches Festivalgelände verwandeln, erstaunt jedes Jahr aufs neue. So kann man während der Umbaupausen gemütlich einen Wein genießen, im Shisha Zelt relaxen oder bei Regen unter dem riesigen Überdach Schutz finden.

Überhaupt ist alles auf diesem Festival etwas lässiger als anderswo. Da hat am Morgen noch der sich am Gelände befindende Supermarkt geöffnet und der Camper bekommt sein morgendliches Frühstück direkt aus der Umkleidekabine des als Campingplatz dienenden Sportplatzes geliefert. Dermaßen gut in den Tag gestartet ist es kein Wunder, dass so ein perfekter Festivaltag beginnt und die Zeit wie im Fluge vergeht.

Dass eine Solotour einem Künstler belebende Frische und Abwechslung bringt, kann an Justin Sullivan gesehen werden. Wie frisch neu geboren steht dieser auf der Bühne und begeistert das Publikum. Der als etwas exzentrisch bekannte Brite lässt heute seinem Charme freien Lauf und so kann er in der späten Nacht sogar mit diversen weiblichen Fans Arm in Arm gesichtet und von deren Freundinnen fotografiert werdend gesehen werden. Welch ein ungewöhnlicher Anblick für den als eher fotofeindlich bekannten Künstler.

Die Guano Apes haben da leichtes Spiel und feiern ein fulminantes Comeback auf dem Picture On. Nach vier ganzen Jahren Pause können die vier Norddeutschen durch ihren punkigen Sound die Herzen des Publikums im Sturm erobern. Nicht minder wild geht es bei dem Topact des Abends zu. IAMX bieten elektronischen Sound vom Feinsten, welcher sicherlich noch in den Nachbargemeinden für nächtliche Aufmerksamheit sorgt. Die in diesem Jahr verwendete neue Soundanlage lässt nicht nur die Wände der nachbarlichen Kirche in ihren Grundfesten erschüttern, der extrem laute Bass durchzieht das Publikum wie Peitschenschläge und testet so manches Trommelfell trotz Ohrstöpselschutz bis an seine Belastungsgrenzen.

Der Regen verfolgt irgendwie die diesjährige Festivalsaison. Da kann es noch soviele Wochen zuvor staubtrocken sein, auf wirklich jedem in diesem Jahr besuchten Festival hat es zumindest einen Tag lang stark geregnet. So erwischt es auch das Picture On am zweiten Tag. Genau bei dem Weg zum Gelände galt "Land unter", die Straße schien förmlich wegzuschwimmen. Gut, dass der Dorfplatz etwas erhöht liegt und dass dank der am Boden verteilten Hackschnipsel ein Rutschgefühl gar nicht erst aufkam.

Schade ist es nur um die sympathischen Zeronic. Die smarten Burgenländer aus dem benachbarten Güssing treten nach etlichen Jahren wieder einmal beim Picture On auf und dann prallt ihr Heimspiel auf diese massive Regenfront. Nur die gänzlich abgehärteten Fans wagen sich aus ihrem sicheren Unterschlupf zur Bühne vor, werden dafür aber auch mit einer Einladung auf ein anschließendes Bier belohnt.

Zum Glück verzieht sich der Regen alsbald wieder einigermaßen, so dass die beiden sich anschließenden ungarischen Bands ungestört austoben können. Die Mystery Gang verzaubert dabei mit gradlinigem Rockabilly Punk, während Superbutt in erster Linie eine härtere Gangart auflegen. Die Fans dankten es mit wildem Headbangen und Herumgehüpfe.

Etwas melodischer, aber kein bisschen kraftloser spielen darauf die Ingolstädter Slut aus. Seit mittlerweile 14 Jahren im Geschäft, wissen die fünf Musiker genau, wie eine exzellente Mischung aus Energie und Melancholie zu einer mitreißenden Stimmung kombiniert wird. Eine perfekte Einstimmung auf die Legenden des Abends. Life Of Agony haben sich zwar schon vor ein paar Jahren wieder zusammen gefunden, dennoch scheint ein Auftritt der New Yorker Band immer wieder etwas Mystisches und Unwirkliches an sich zu haben. Die Festivalbesucher scheinen nach der ganzen aufgewühlten Stimmung nun eher in andere Sphären versetzt zu werden und genießen das Highlight des diesjährigen Picture On in eher ruhigerer, innerlich aufgewühlter Gemütslage.

So bleibt nach zwei unvergessenen Festivaltagen nur zum wiederholten Mal aus Hochachtung vor der perfekten Organisation und Stimmung das musikalische Haupt zu senken und auf die nächste wilde Party im kommenden Jahr ungeduldig zu harren.

Stefan Kuper

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