Legenden der Ewigkeit

Endlich hat der Musikhochsommer in Österreich so richtig begonnen. Das mittlerweile schon legendären Status erreichende Nova Rock öffnet zum vierten Mal seine Pforten. Und nicht nur aus Österreich und etlichen europäischen Nachbarstaaten sind Gäste dabei, neben einem Schwall englischer kann man sogar mexikanische Gäste auf den Pannonia Fields antreffen. Bei der exquisiten Bandauswahl aber auch schon fast nicht mehr verwunderlich. So lautet in diesem Jahr das Motto: Wer schon unbedingt einmal ... gesehen haben muss, der hat hier die einmalige Gelegenheit dazu. Dieses ... füllt sich dabei mit so mythischen Bandnamen wie Sex Pistols, The Verve, Rage Against The Machine, Judas Priest, Motörhead, Jonathan Davis, Gavin Rossdale und so weiter. Kein Wunder also, dass das Festival nicht nur restlos ausverkauft ist, sondern dass es auch trotz zunächst etwas widrigem Wetter kaum Kartenweiterverkäufer vor dem Eingang zu finden gibt. Eine solche Ansammlung alter Heroen stellt auch einfach eine zu große Versuchung dar, die niemand verpassen will.

Nicht dass jetzt alle unter 20-jährigen auf die Idee kommen, es handelt sich hier um eine reine Rock-Rentner Veranstaltung. Auch für Musikbegeisterte, denen die genannten Namen eher weniger (zu-)sagen, gibt es eine reichliche Ausbeute an Neuentdeckungen und altbekannten Megabands zu genießen. Allen voran die schon als sichere Bank für eine partywütige Stimmung gesetzten Die Ärzte, Beatsteaks und Incubus. Wer auf mehr Schnelles, Metalllastiges steht, kommt beispielsweise bei Nofx, Cavalera Conspiracy oder In Flames voll auf seine Kosten. Es sind also, wie sich das für ein anständiges Rock Festival ja auch so gehört, für jeden gleich mehrere persönliche Highlights dabei.

Und auch das Wetter spielt heuer wieder perfekt mit. Zwar ist es keine Hitzeschlacht wie im letzten Jahr, dafür machen die gut 20 Grad bei beständigem Wind, das Schlangestehen und Herumlaufen umso erträglicher. Lediglich am ersten Nachmittag sind die Sturmböen allzu heftig, so dass nicht nur die Videoleinwände der Blue Stage heruntergelassen werden müssen, auch wird das gerade erst eröffnete und sich füllende Gelände vor besagter Bühne wieder geschlossen und so üben sich alle vor einer von der Security gespannten Sicherheitsleine in Geduld. Leider fällt dem Sturm der Auftritt von Panteon Rococo völlig zum Opfer, die Donots müssen sich auf drei Songs beschränken.

Danach läuft aber alles in gewohnt perfekten Gang. Die Organisation ist inzwischen sehr gut eingespielt, so dass es beispielsweise dank des bereits im letzten Jahr bewährten Verkehrskonzepts zu keinerlei Staus bei An- oder Abreise kommt. Auch sind noch einige Detailverbesserungen umgesetzt worden, wie das Bewachen der Mobiltoiletten durch Sicherheitsleute zwecks Vermeiden von Randale oder eine weitere Wasserstelle bei der Red Stage. Einem entspannten Feiern steht also nichts mehr im Wege. Einzig der Sound bereitet aufgrund der starken Winde bei ein paar Bands kleine Probleme, aber dafür ist es ja auch ein Open Air Festival und keine Indoor Veranstaltung.

Der erste Tag ist mehr oder weniger fest in der Hand der zahlreich versammelten Punker. Mit typischem Styling la Irokesenhaarschnitt und Nietenlederjacken stapfen diese in ihren dicken Boots über das Gelände, wartend auf den Auftritt der längst untergegangen geglaubten, aber immer wieder auferstehenden Sex Pistols, während das restliche Publikum erstmals so richtig aufzuwachen scheint, als die österreichischen Alkbottle die Bühne betreten. Die Austrorocker besitzen natürlich Heimatbonus und haben sich schon in etlichen Shows in die Herzen des Publikums gespielt.

Während die sich anschließenden Ash eher lustlos wirkten, so weiß Mia. wenigstens in einem zwar roten, aber umso durchsichtigeren Regenmantel auf der Bühne herumzufliegen. Richtig spannend wird es erst wieder bei dem auf Solopfaden wandelnden Korn Frontmann Jonathan Davis. Ob dieser wirklich schon so arg in die Jahre gekommen ist, dass er seinen gesamte Auftritt auf einem inmitten der Bühne aufgebauten mächtigen Thron sitzend absolvieren muss oder ob es sich um ein ausgeklügeltes Showelement handelt, mag jeder selbst beurteilen. Das Dargebotene ist in jedem Fall keineswegs langweilig, sondern eine interessante Weiterentwicklung des Korn Sounds.

Wer bei Nofx auf eine abgedrehte Show mit schnellem Sound gewartet hatte, muss sich wohl eher der Red Stage zuwenden. Die vier Amerikaner leiden heute an schlaganfallartigem Jet Lag, anders ist ein derart müder Auftritt, der nichts mit zuvor schon Gesehenem gemein hat, nicht zu erklären. Da hauen die wiedervereinigten Cavalera Brüder der gleichnamigen Konspiration schon wesentlich härter auf die Zuhörerschaft ein. Der auferstandene Sound von Sepultura lässt Fan und Trommelfell herumspringen.

Ist es das kalte Wetter oder die windige Umgebung, irgendwie ist heute bei einigen Bands der Wurm drin. Vielleicht keine warme Unterwäsche eingepackt? Die Sex Pistols können zumindest eher wenige Fans von den Füßen reißen, wie es früher zum Pflichtprogramm gehörte. Da hilft nur eine schnelle Flucht zu den Ärzten, die sich dieses Mal mit ihren komödiantischen Einlagen etwas zurückhielten (nicht dass das gleich heißt, dass gar keine selbstironischen Geistesblitze gegeben werden, nur eben weniger) und stattdessen mehr Musik spielten. So gibt es doch noch ein versöhnliches Konzerthighlight am ersten Festivaltag.

Der zweite Tag beginnt gleich mit einem visuellen Knaller. Subway To Sally sind von ihrem letzten Auftritt noch stark in der Erinnerung hängen geblieben. Nicht nur spektakuläre pyrotechnische Einlagen mit durch die Feuerbälle herumspringenden Künstler, nein auch das Herunterrieseln von künstlichem Schnee auf das Publikum bei dunkelblauer Beleuchtung schweben vor dem inneren Auge. Auch wenn der Auftritt heuer nicht dermaßen spektakulär ist, so ließen es sich die Folkrocker nicht nehmen, mit Fackeln auf der Bühne herumzustolzieren und den ein um den anderen Feuerball gen Publikum zu schleudern. Sicherlich eine der beeindruckendsten Shows des Festivals.

Eine der Bands, die aufgrund des enormen Hitpotentials ihrer reichlichen Songauswahl unbedingt angesehen werden müssen, ist die sich auf der Red Stage anschließenden Bad Religion. Und so ist es auch das erwartete Feuerwerk aus älteren und neuen Alben, das die dicht gedrängten Fans in Hochgenuss versetzt. Das ganze Konzert kann dabei allerdings nicht verfolgt werden, mit Gavin Rossdale spielt auf der Blue Stage eine weitere sich auf Solotour befindende Ikone der Rockgeschichte. Der Ex-Bush Sänger fährt eher auf der softeren Schiene und ladet zum genießerischen Dahinschwelgen ein.

Jetzt muss man sich aber für den restlichen Abend festlegen. Entweder auf der (zumindest heute) eigentlichen Hauptbühne Red Stage zu In Flames rocken und danach bei Motörhead jegliche Hemmungen verlieren oder zu den Beatsteaksjüngern auf der Blue Stage gehören und herausfinden, wie Bitter Sweet Symphony von The Verve live klingt. Oder doch von allem ein Bisschen mitbekommen und wie wild hin- und herhetzen. Es ist aber auch schwer sich zu entscheiden, wenn auf gleich beiden Bühnen exzellente Bands spielen. So richtig glücklich scheinen die Zuschauer am ehesten bei den als sichere Bank gesetzten Beatsteaks zu sein. Während In Flames und Motörhead eher zu unecht wirken bzw. mit argen Tonproblemen zu kämpfen haben und The Verve auch schon etwas eingerostet klingen, wissen die vier Berliner von den Beatsteaks durch ihren charmanten und mit lustigen Einlagen präsentierten Punk zu überzeugen.

Der letzte Tag eines Festivals ist zumeist geprägt von einer Mischung aus Abreisevorbereitungen und gespanntem Zusteuern auf den Höhepunkt des Spektakels, dem sagenumwogenen Abschlusskonzert des größten Hauptacts. Wenn es dann gleich zwei solcher außergewöhnlichen Auftritte geben wird, welche zudem noch durch leichtes Verschieben des Zeitplans beide nacheinander genossen werden können, so kann ein Open Air gar nicht besser ausklingen.

Traditionell beginnt der dritte Nova Rock Tag für alle Frühaufsteher - also gegen späten Morgen - mit einem Frühschoppen bei original Böhmischer Blasmusik auf dem Grillplatz. Nach einem letzten Kräftesammeln kann der letzte große Abend nicht besser beginnen, als mit den für ihre Livequalitäten bereits in höchsten Tönen gelobten Disturbed. Auch Computerspielfans konnten die ein oder andere Melodie wiedererkennen, haben die Amerikaner doch bei dem ein oder anderen Soundtrack bekannterer Spiele mitgewirkt.

Dass man bei einer Ehe mit Pam so einige Nehmerqualitäten mitbringen muss, sollte jedem klar sein. Dass Kid Rock solche aber auch als Musiker mitbringt, ist spätestens seit dem heutigen Auftritt jedem bekannt. Hatte der Herr doch zwei Tage zuvor noch ins Krankenhaus eingeliefert werden müssen zwecks Auffüllen der diagnostizierten Dehydrierung und dadurch seine Show beim britischen Download Festival ausfallen lassen. Das Nova Rock wird dennoch nicht im Stich gelassen und statt dessen auf die Zähne gebissen. Dabei wirkt Kid Rock ebenso standfest, wie er schon oft bewundert werden konnte, und meistert seinen - wenn auch etwas verkürzten - Auftritt in gewohnt divenhafter Manier. Die letzte Brillanz fehlt freilich, mag aber auch daran liegen, dass die beiden charmanten Begleiterinnen diese Mal fehlen, die bei früheren Shows in knapper dafür umso patriotischer designten Kleidung hinter Gittern zu den Rhythmen tanzen.

Bleibt daher umso mehr Zeit, sich auf die großen zwei des Abends durch wahlweise Bullet For My Valentine oder etwas softer mittels Incubus einzustimmen. Während Incubus auf ein eher desinteressiertes und mehr auf den Abschlussact wartendes Publikum trifft, geht bei Bullet For My Valentine desto mehr die Post ab und die Fans können sich schon mal headbangend auf die Gottväter des Metals einstimmen.

Und dann ist es so weit, diabolisch auf einen Stock gestützt, in den obligatorisch mit langen Nieten besetzten Ledermantel gekleidet, betritt Rob Hartford die Bühne. Judas Priest bringen das Nova Rock zum überkochen. Weder die Jahre im Musikbusiness noch die lange - und inzwischen auch schon lange überwundene - Treffungsphase haben dieser Formation etwas anhaben können. Frisch wie Generationen von willigen Metalfans uneingeschränkt bestätigen können, wird das Publikum sofort durch die allumfassende Ausstrahlung der Band zu willenlosen Sklaven der martialischen Musik.

Glücklich schätzen kann sich, wer nach einer derartig mitnehmenden Show noch die Kraft besitzt, zur Blue Stage hinüberzuwanken, um das Konzerthighlight in der diesjährigen österreichischen Musiklandschaft genießen zu dürfen. Die nach bitter langen sieben Jahren wieder zusammen spielenden Rage Against The Machine bringen den Boden zum Beben. Die genialen Pioniere des Crossover erobern die Fans im Sturm und entlassen die Feiernden mit dem unvergesslichen Killing In The Name und anschließendem Feuerwerk in die Nacht.

Stefan Kuper

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