Dark Blues

An einem novemberlichem Samstag fanden wir uns im Wiener Untergrund ein, um dem Soloprojekt des Berliner Künstlers Carsten Klatte alias La Casa Del Cid beizuwohnen: Unterstützt von der österreichischen Vorband Sparkwoodand21 gab sich La Casa Del Cid anlässlich der neu veröffentlichten Platte "Lonestar" die Ehre im Monastery aufzutreten. Als wir etwas zu pünktlich um 21 Uhr die geheiligten Gewölbe des Clubs im zweiten Untergeschoss betraten, erhielten wir zunächst keinen Zugang, da die Bands noch mit letzten Vorbereitungen beschäftigt waren. So vertrieben wir uns die Zeit an der Bar und beobachteten das langsam eintrudelnde schwarze Publikum.

Um 22 Uhr betraten dann Sparkwoodand21 die Bühne. Die Band bestand aus drei Akteuren, die jeweils mit einer Gitarre bzw. Bass ausgestattet waren. Die unbesetzten Drums wurden per Band eingespielt. So legten sich je nach Stück abwechselnd eine zierliche Sängerin mit kurzgeschorenem Haar oder ihr linksseitiger Kollege stimmlich ins Zeug, während sich der Dritte im Bunde eher im Hintergrund hielt. Zur Unterstützung des optischen Zusammengehörigkeitsgefühls trugen die drei schwarze T-Shirts mit den weißen Buchstaben X, Y und Z. Musikalisch wurde sanfter Gothrock mit je nach Stück schmerzverzerrter weiblicher und eher kräftiger männlicher Stimme geboten, die jeweils in Richtung Cranberries oder Beautiful South tendierte.

Nach einer kurzen Pause, in der die Stille mit folkartigen Klängen überbrückt wurde, betrat La Casa Del Cid geschmeidig wie ein Tiger die Bühne und begann gleich lediglich durch die selbst gespielte Klampfe begleitet mit dem ersten Stück. Wir waren schon den ganzen Abend gespannt, wie es klingen würde, wenn der uns bisher als Mitwirkender in fast allen wichtigen Bands der deutschen Gothic Szene bekannte Carsten Klatte selbst als Sänger vor das Mikro treten würde. In Bands mit so klanghaften Namen wie Goethes Erben, Girls Under Glass, Wolfsheim oder Project Pitchfork letztere durfte ich übrigens einst anno 1995 mit Rammstein als Vorband (!) genießen hatte er sich bereits eingebracht, so dass unsere Erwartungen entsprechend hoch waren.

Und diese sollten noch bei weitem übertroffen werden: Bereits das erste Stück zog uns durch seine direkte Einprägsamkeit in einen magischen Bann. Bei dieser Musik zuckt man nicht wild über die Tanzfläche, man schaut sich nicht verzückt an, nein, ganz im Gegenteil herrscht eine plötzliche Stimmung der ergriffenen Melancholie tief im Inneren, die rational nicht zu fassen ist. Geradezu schlicht wirkt das Ensemble der nur leicht begleitenden Gitarre im Vergleich zu der unheimlichen Welle an Emotionen, die über die Stimme transportiert werden.

Ab dem zweiten Stück kamen ein Schlagzeug, gespielt vom Project Pitchforker Achim Färber, sowie ein Bass zur Unterstützung der Liveperformance mit hinzu und passten sich vollkommen ein in den Reigen der verzaubernden Klänge. Dabei hatten die Stücke einiges an vielfältigen Stilrichtungen zu bieten. Hier bot sich die schier unendlich heraussprudelnde Schaffenskraft des Frontmanns dar. Diese scheint sich nun bisher verteilt auf die diversen Projekte in dem eigenen Schaffenswerk zu einem wahren Höhepunkt zusammengeballt zu haben. Immer wieder stand neben den wunderbar gespielten Gitarreriffs die Stimme mal singend, mal gepresst wispernd im Mittelpunkt des Ganzen. Diese Musik ist bei einmaligem Hören gar nicht in seiner Vollständigkeit fassbar, sie lässt sich nur schwer in bekannte Kategorien fassen, sondern zeigt den Weg in eine andersartige Richtung: Eine Mischung aus Traurigkeit und Nachdenklichkeit, die aber nicht lebensverneinend ist, sondern mit einer ungeahnten Intensivität herüberkommt. Selten wird das Thema um die Suche nach dem Leben, die Überwindung der Schmerzen, das Finden der Wahrheit mit einer solch schreienden (Un-)Stille dargebracht. Dabei wird in der musikalischen Interpretation ein Weg aus Rockigem mit Einflüssen aus Blues und Country beschritten, die sich so eigentümlich das zunächst klingen mag zu einem perfekten Ganzen zusammenfügen. Dazu passend schmiegt sich Carsten geradezu schmerzverzerrt an sein Mikrofon und bietet ein Bild der vollkommenen Verschmelzung.

Nach leider viel zu kurzer Zeit ist der Hochgenuss leider nach drei Zugabeliedern zu Ende, so dass es uns nur noch übrigbleibt, dem Künstler für diese musikalische Zauberei zu bedanken und uns mit stillen Gedanken den nächsten Abend mit La Casa del Cid herbeizusehnen.

Stefan Kuper

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